Interview mit Stefan Schroeder zu Sophie Scholl Produktion

Wann während der Planung des Stücks wurde klar, dass es live nicht gehen wird?

Seit Anfang des Jahres zeichnete sich ab, dass eine Aufführung im Mai immer unwahrscheinlicher wurde. Wir haben dann unser Bühnenkonzept, mit dem wir schon bei der Spielzeitvorschau im vergangenen Herbst gearbeitet hatten, auf ein Onlineformat umgestellt. Im Theater war geplant, fließende Übergänge zwischen Spielszenen und dokumentarischen Elementen zu schaffen. Dafür mussten wir nun eine künstlerische Übersetzung finden, die im Video auch funktioniert.

Wie ist das Projekt umgesetzt worden?
Während das Theater sich für die Inszenierung spielerischer, fließender Übergänge eignet, arbeitet der Film mit Montage und Schnitt. Wir bleiben dicht an den Originaldokumenten und wollen mit filmischen Mitteln die Verbindung schaffen zwischen Schauspiel und der historischen Wirklichkeit.

Wie lief der Dreh?
Es war abenteuerlich, da wir nicht den üblichen Probenprozess hatten, der in vielen Wochen langsam zum Ziel führt, sondern die einzelnen Szenen jeweils punktgenau für den Dreh gelingen mussten. Man gewöhnt sich an eine neue Arbeitsweise, eine andere Bildgestaltung und lernt auch die Möglichkeiten des Films schätzen. Natürlich war es auch ein Lernprozess, manche Aufnahmen mussten wir wiederholen. Spaß gemacht hat es auch, aber wir sind trotzdem froh, wenn wir unser Theater wiederhaben…

War die Online-Produktion eine besondere Herausforderung?
Besonders herausfordernd war natürlich, dass wir das ganze Projekt im Lockdown über Zoom erarbeiten mussten. Die eigene Wohnung wird dann plötzlich zum Wohnzimmer der Familie Scholl oder zum Verhörzimmer. Das Ensemble sieht sich nur über Bildschirm und zeichnet manche Szenen ganz allein zu Hause auf. Erst in der Nachbearbeitung fügen sich die Szenen zusammen. Aber schwierige Bedingungen machen ja auch kreativ: Wir haben uns in das Projekt gestürzt wie in ein Experiment und hatten stets das Ziel vor Augen, dass ein „echter“ Film entstehen sollte.

Was genau zeigt ihr im Stück?
Wir zeigen das Leben von Sophie Scholl von ihrer Kindheit bis zum Prozess, an dessen Ende sie zum Tode verurteilt wird, indem wir Schlaglichter auf besondere und wichtige Momente werfen. Dabei hat uns besonders interessiert, wie Sophie, die als Kind noch vom Dritten Reich vereinnahmt wird, zu einer entschiedenen Gegnerin des Nazi-Regimes wird. Dieser Weg der Gewissensbildung hat auch Vorbildcharakter für die heutige Zeit, in der so viele Kräfte wieder an der Aufweichung freiheitlicher Grundwerte arbeiten. Und damit meine ich natürlich nicht die Corona-Beschränkungen, die mit steigender Impfquote bald vorüber sein werden, sondern politisch rechte Bestrebungen im In- und Ausland. Es ist wichtig, sich daran zu erinnern, wie fragil die Werte sind, auf denen unsere Demokratie aufbaut, wenn man sie nicht bewusst bewahrt. Daher finde ich, dass die Geschwister Scholl und die Mitglieder der weißen Rose, die für diese Werte eingetreten sind, sich auch für uns als Identifikationsfiguren der deutschen Geschichte eignen.

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